Fähnchen im Wind
Ich habe das Gefühl, ich tippe auf der Stelle. Schiebe immer alles vor mir her, alles auf morgen. Beschäftige mich nicht mehr mit mir selbst, nicht wirklich. Verstecke mich immer wieder vor mir und gehe nicht wirklich an den Kern, da ist keine Tiefe. Prokrastinieren ist zum Alltag geworden, habe das Gefühl, ich würde jede meiner Prioritäten falsch setzen. Nichts gibt mir gerade etwas zurück, da ist nur Angst. So viel verdammte Angst vor neuen Entscheidungen, davor falsche getroffen zu haben, Angst vor der Zukunft.
Ich tippe auf der Stelle, weiß nicht, ob links oder rechts. Ob vor oder zurück. In welcher Gangart und in welche Richtung. Habe die Orientierung verloren und den Zugang zu meinem inneren Kompass. Ich weiß nicht mehr, was ich eigentlich will, was ich hier mache. Weiß nicht mehr, wo ich einmal hin möchte, habe meine Ziele vor Augen verloren. Habe das Gefühl, jede Entscheidung, die ich treffe wäre nicht richtig. Dass das alles nicht ernst zu nehmen ist. Fühle mich so klein und unbedeutend. Als wäre es vollkommen egal, wo ich bin und was ich mache. Bin nur ein kleines Licht im endlosen Universum, ein so klitzekleiner Teil dieses Ganzen. So winzig und unscheinbar. Nicht zu erkennen und überschattet von all den anderen. So unwichtig.
Ich fühle mich wieder ein Jahr zurück gesetzt, denke an den letzten Sommer und fühle mich so ertappt. Genau dasselbe Spiel. Bitte nicht noch einmal so ein Herbst, bitte nicht noch einmal diese Gedanken, diese Gefühle. Lass mich nicht noch einmal den Abgrund so nah sehen, mich nicht noch einmal in Scherben zurück. Möchte nicht noch einmal so tief fallen in ein Schwarz, aus dem ich allein nicht mehr heraus finde. Mich nicht wieder in der Dunkelheit verlieren und mich selbst darin nicht mehr finden können.
Ich tippe immer wieder auf der Stelle, immer wieder frage ich mich, was das Ganze hier soll. Wem ich eigentlich etwas vormachen will. Komme einfach nicht voran und weiß den Weg nicht mehr. Als hätte ich meine Brille verloren und könnte sie vor lauter Blindheit nicht finden. Tappe im Dunkeln und suche vergeblich nach einem Sinn.
Gib´ mir doch nur eine grobe Richtung, ein Zeichen, dass das hier das Richtige ist. Ich fühle mich wie ein Fähnchen im Wind und habe die Windstärke unterschätzt. Wehe umher und finde keinen Halt. Mein Mast wackelt gefährlich stark hin und her und vermittelt mir alles, nur keine Sicherheit.

Alles fühlt sich so unwirklich an. Es macht doch keinen Unterschied. Wirklich Auswirkungen hat mein Handeln nicht. Im Endeffekt tangiert mein Leben nur mich selbst. Im Endeffekt kann ich alles tun, was ich möchte. Habe so unendlich viele Möglichkeiten und doch das Gefühl, in diesem großen Ganzen gefangen zu sein. Kann tun, was ich möchte, aber dann doch wieder nicht. Frage mich immer wieder, worum es im Leben wirklich geht und was ich mir davon erhoffe. Welche Erwartungen ich an das alles hier habe und, was ich tun kann, damit sich diese erfüllen. Ob ich das überhaupt will. Mein Leben so zu planen. Dass diese Dinge wirklich eintreten. Vielleicht will ich das auch einfach nur auf mich zukommen lassen. Aber ich habe keine Ahnung, wo ich anfangen will, bin überfordert mit jeder einzelnen Entscheidung. Möchte meines eigenen Glückes Schmiedes sein, aber im selben Atemzug die Verantwortung so oft einfach nur abgeben. Nehme mir immer zu viel vor und mache davon zu wenig. Weiß über alles immer nur halb so viel, wie ich es gerne wüsste. Würde mich gern so vieles trauen, aber schrecke im letzten Moment dann doch davor zurück und ärgere mich immer und immer wieder über mich und meine Ängste. Die vielen verpassten Chancen und Gelegenheiten. Würde so gern in die Zukunft schauen und meinem jetzigen Ich versichern, dass alles gut wird. Dass der Schmerz vorbei geht und ich irgendwie meinen Weg gehen werde. Dass die Dinge sich entwickeln und es okay ist. Manches einfach keine Rolle mehr spielt und ich mir selbst endlich vergeben kann. Dass es mir gut geht. Ich glücklich bin, wo immer ich dann sein mag.
Was am Ende des Tages zählt, sind doch eigentlich nur die Erfahrungen, die wir hier auf der Erde machen dürfen. Die Dinge, die wir lernen. Die unser Leben bereichern, es möglichst lebenswert machen. Das ist es doch, was wirklich Gewicht hat. Was wirklich einen Unterschied macht. Also lasst uns Fehler machen und möglichst viel aus ihnen lernen. Denn wichtig ist nicht, dass wir morgens aufstehen, sondern unsere Wahl, mit welchen Dingen und Menschen wir die kommenden 12 Stunden füllen.
Jeden Tag aufs Neue treffen wir diese Entscheidung. Und jeden Tag macht es einen Unterschied. Denn in deiner subjektiven Wirklichkeit bist du selbst doch der Mittelpunkt. Alles was je gezählt hat und alles, was je zählen wird bist du. Einzig und allein du. Also überlege dir gut, welche Dinge deine nächsten 12 Stunden bereichern. Du allein triffst diese Entscheidung.
Jeden. Einzelnen. Tag.



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