Ein Jahr
Wollte eigentlich gar nicht mehr dran denken. Es ist vergangen, ist vorbei. Und doch frage ich mich wie ganz von selbst, ob dich die selben Gedanken finden, dieselben Gedanken gerade wach halten. Ob du auch daran denkst, was die letzte Berührung war. War es die Umarmung oder gab es einen letzten Kuss? Denkst du auch gerade daran, was ich in diesem Augenblick mache? Worüber ich nachdenke, was mich beschäftigt. Mich wirklich beschäftigt. Vor einem Jahr wusste ich es noch. Vor einem Jahr wusste ich noch alles über dich. Heute nichts mehr, rein gar nichts. Du bist mir ein Fremder geworden. Das, wovor ich immer so eine heiden Angst hatte. Das Jahr war nicht leicht. Wahrscheinlich das schwerste meines Lebens. Was dich nicht umbringt, macht dich stärker, haben sie gesagt. Und dennoch gibt es diese Momente, in denen ich hier sitze und mich frage, an was du wohl gerade denkst. Das wird wohl nie verschwinden. Du warst das einzige Ja in meinem Leben, bei dem ich keine Zweifel hatte. Nicht einen einzigen. Du warst mein Ja. Mein Alles. Und heute mein Nichts.
Nein, eigentlich wollte ich nicht dran denken, wie viele Male ich in Tränen ausgebrochen bin und wieviele Briefe ich dir in deinen Briefkasten schob, auf dem womöglich noch immer mein Name steht. Nicht daran, wie oft ich deine Nummer wählte, nur um dann doch nicht anzurufen. Nicht daran, wie viele Nächte ich mich in den Schlaf weinte. Daran, wie ich bei den Worten „Liebe“ und „Vertrauen“ immer nur an dich dachte. An all die Dinge, die ich über dich erzählte. Über uns. All unsere Geschichten, die nun ganz tief vergraben in einer Kiste weit hinten in meinen Erinnerungen liegen. Geschichten, die ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen würde. Geschichten, die mir jedes Mal wieder ein bittersüßes Lächeln ins Gesicht zaubern. Geschichten, die sich nie wiederholen werden. Die ich noch in 30 Jahren erzählen werde. Geschichten, die den ganzen Schmerz wert waren. So tief lagern sie in meinem Herzen und manchmal schummeln sie sich nach vorn auf die Bildfläche. Die Male werden weniger, ihre Kraft, die Mauer zu überwinden, lässt Stück für Stück nach. Aber an Tagen wie diesen fängt der Zement an zu bröckeln und sie erscheinen an der Oberfläche. Erst verschwommen und dann immer klarer. Wollen gehört und gesehen werden. Gefühlt und umsorgt. Sie verschwinden erst wieder, wenn man sich um sie gekümmert hat. Dann werden sie wieder kleiner und schleichen sich zurück in die Kiste ganz tief in meinem Herzen. Dort verweilen sie, bis zur nächsten Gelegenheit.

Wirklich, ich wollte nicht daran denken. Wollte dieses Gefühl nicht zulassen und doch hat es mich wieder überwältigt. Frage mich, was du wohl machst, wie es dir geht, ob du glücklich bist. Ich wünsche es dir. Von Herzen, dort, wo die ganzen Geschichten ganz weit hinten in der Kiste schlummern.
Denn heute vor einem Jahr erschuf ich diese Kiste und sehe, wie sie jeden Tag ein wenig friedlicher wird. Wie sie jeden Tag ein wenig an Präsenz verliert. Tag für Tag, Stück für Stück. Bis sie vielleicht irgendwann nicht mehr mit Dornen übersät ist und nicht mehr die Kraft hat, Dinge aufzureißen.
06.2021



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